Es ist ein grauer Morgen im Oktober. Draußen ist es noch dunkel, die Heizung läuft, der Kaffeeautomat surrt. Millionen Menschen in Deutschland beginnen ihren Tag – und alle greifen gleichzeitig auf etwas zu, das man weder sieht noch richtig lagern kann: Strom.
Doch während in unseren Wohnungen das Licht angeht, passiert im Hintergrund etwas Faszinierendes. In dieser Sekunde müssen unzählige Kraftwerke, Windräder und Solaranlagen genauso viel Energie ins Netz einspeisen, wie wir alle zusammen verbrauchen. Kein bisschen mehr, kein bisschen weniger.
Das ist die Kunst des Strommarkts – ein unsichtbares Zusammenspiel aus Technik, Wetter, Wirtschaft und Mathematik.
Ein Markt wie ein täglicher Tanz
Strom wird nicht einfach verteilt, sondern gehandelt – fast wie auf einem riesigen Wochenmarkt. Produzenten bieten ihre Energie an, Händler kaufen und verkaufen, Versorger sichern sich Strommengen für ihre Kunden.
Wind und Sonne können den Preis entscheiden
An einem stürmischen Sonntag im März pfeift der Wind über Norddeutschland. Tausende Windräder drehen sich, die Netze sind voll. Die Stromproduktion übersteigt den Bedarf – und plötzlich wird Strom zum Schleuderpreis gehandelt. Manchmal sogar mit negativen Preisen: Dann bekommen Käufer Geld dafür, Strom abzunehmen, damit das Netz stabil bleibt.
Nur wenige Wochen später, an einem heißen, windstillen Juliabend, sieht alles anders aus. Die Endgeräte laufen auf Hochtouren, Solaranlagen produzieren aber kaum noch Strom, weil die Sonne schon untergegangen ist. Jetzt müssen Gaskraftwerke einspringen – und der Preis steigt rasant.
Das zeigt, wie empfindlich der Strommarkt auf Wetter und Tageszeit reagiert.
Die Merit-Order – wer zuerst liefern darf
Um zu verstehen, warum der Preis so schwankt, hilft ein Blick auf das Prinzip der Merit-Order.
Man kann sich den Strommarkt wie eine Warteschlange von Kraftwerken vorstellen. Ganz vorn stehen die günstigsten Produzenten: Windräder und Solaranlagen, deren Strom praktisch keine Brennstoffkosten verursacht. Dahinter reihen sich Wasserkraft, Kohle und Gas ein – je nach Kosten.
Solange der Wind stark genug weht, decken die günstigsten Anbieter den Bedarf. Doch wenn mehr Strom gebraucht wird, müssen auch teurere Kraftwerke einspringen. Und das letzte, teuerste Kraftwerk, das noch benötigt wird, setzt den Preis für alle.
Das mag ungerecht klingen – ist aber marktwirtschaftlich sinnvoll: Es soll dafür sorgen, dass immer die günstigsten Erzeuger zuerst ans Netz gehen und teurere nur dann, wenn sie wirklich gebraucht werden, und zudem erneuerbare von fossilen Kraftwerken profitieren.
Und damit andersherum Windkraft‑ und große PV‑Anlagen bei einer „Hell‑Brise“ nicht abgeregelt werden müssen – was wiederum hohe Kosten verursacht – braucht es schnell verfügbare Großspeicher. Sie helfen, Überschüsse aufzunehmen, die Preise zu stabilisieren und den teuren, klimaschädlichen Einsatz fossiler Kraftwerke auf die Überbrückung echter „Dunkel‑Flauten“ zu begrenzen.
Der Day‑Ahead‑Markt – wie der Strom für morgen gehandelt wird
Damit dieser Tanz überhaupt funktioniert, braucht es einen Ort, an dem der Strom für den nächsten Tag seinen Preis findet. Das ist der eingangs erwähnte Day‑Ahead‑Markt. Jeden Mittag um zwölf Uhr fällt dort der sprichwörtliche Hammer: Hinter den Kulissen der Börse läuft eine versteckte Auktion, bei der Erzeuger und Händler ihre Gebote für den kommenden Tag einreichen. Aus diesen Geboten baut die Börse Angebots‑ und Nachfragekurven und ermittelt für jede Lieferperiode einen einheitlichen Preis.
Seit Herbst 2025 tickt dieser Markt feiner: Anstatt 24 stündlicher Blöcke gibt es nun 96 Viertelstundenblöcke. Die EU verlangte eine solche 15‑Minuten‑Abrechnung, um die wachsenden Schwankungen von Wind‑ und Solarstrom besser abzubilden. Für die Teilnehmer heißt das: Sie können flexibler planen und ihre Anlagen besser nach dem Wetter ausrichten. Das macht zwar die Preise lebhafter, sorgt aber dafür, dass der Strommarkt die Realität immer genauer widerspiegelt.
Und wenn der Day‑Ahead‑Handel den Rhythmus vorgibt, sorgt der Intraday‑Markt für den Feinschliff. Händler können dort Viertelstunden‑Blöcke kaufen und verkaufen – bis wenige Minuten vor Lieferbeginn. So lassen sich spontane Änderungen beim Wind oder der Nachfrage ausgleichen, bevor es kritisch wird.
Wenn trotzdem noch Lücken bleiben, springen die Übertragungsnetzbetreiber ein und aktivieren die Regelleistungsmärkte: Primär-‑, Sekundär‑ und Minutenreserve halten die Frequenz stabil. Und für den Notfall stehen dank des Strommarktgesetzes Kapazitäts‑ und Netzreserven bereit. Auch hier können netzdienliche Großspeicher eine wichtige Rolle spielen.
Warum sinkende Börsenpreise nicht sofort beim Verbraucher ankommen
Vielleicht haben Sie sich schon gefragt: Wenn der Strom an der Börse billig ist – warum spüre ich das nicht sofort auf meiner Rechnung?
Das liegt daran, dass der Energieversorger Strom nicht täglich neu kauft, sondern Monate im Voraus – meist zu festen Preisen. Außerdem besteht der Strompreis, nur etwa zur Hälfte aus dem eigentlichen Marktpreis. Der Rest sind Netzentgelte, Steuern und Umlagen, die unabhängig von der Börse sind.
Obwohl der Marktpreis sinkt, dauert es also, bis das beim Kunden ankommt.
Der Markt als Spiegel der Energiewende
Der Strommarkt zeigt jeden Tag, wie weit die Energiewende wirklich ist. Daher werfen wir hier noch einen raschen Blick zurück auf die letzten 10 Jahre im Strommarkt:
2016 – Ein Sicherheitsnetz für den Markt:
Als das Strommarktgesetz im Juli 2016 in Kraft trat, war der Strommarkt immer noch ein recht fragiles Gebilde. Um Engpässe zu vermeiden, wurden Netz‑ und Kapazitätsreserven geschaffen: Kraftwerke, die systemrelevant sind, dürfen seither nicht einfach vom Netz gehen, sondern müssen in einer Sicherheitsbereitschaft bleiben.
2018 – Die Grenze zählt wieder:
Lange Zeit bildeten Deutschland, Österreich und Luxemburg eine gemeinsame Strompreiszone. Weil Strom ohne mengenmäßige Beschränkungen gehandelt wurde, gerieten die Netze immer öfter an ihre Grenzen; teure Notmaßnahmen waren die Folge. Seit dem 1. Oktober 2018 wird die tatsächliche Leitungskapazität an der Grenze berücksichtigt. Die gemeinsame Zone wurde faktisch aufgeteilt; österreichische Händler dürfen nur noch so viel Strom aus Deutschland beziehen, wie die Leitungen verkraften. Das entlastet das Netz und sorgt für fairere Preise.
2019/2020 – Erneuerbare werden zum Schwergewicht:
Mit dem Siegeszug von Windrädern und Solaranlagen dreht sich die Merit‑Order immer stärker zugunsten erneuerbarer Energien. 2019 stammten bereits 46 % des deutschen Strommixes aus erneuerbaren Quellen; 2020 überschritt ihr Anteil an der Nettostromerzeugung erstmals die 50‑Prozent‑Marke. Windkraft allein lieferte schon 27 % – und verdrängte damit immer öfter fossile Kraftwerke aus der Preissetzung.
2022 – Die Energiekrise schockt den Markt:
Der russische Angriff auf die Ukraine ließ den Gaspreis explodieren. An der Strombörse schossen die Großhandelspreise auf bis zu 850 € pro Megawattstunde; der wöchentliche Durchschnitt lag über das Jahr gemittelt etwa dreimal so hoch wie 2021. Gaskraftwerke setzen aufgrund der Merit‑Order oft den Preis, sodass hohe Gaspreise den gesamten Markt verteuerten.
2023 – Der letzte Atommeiler geht vom Netz:
Am 15. April 2023 wurden die drei verbliebenen Kernkraftwerke Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 endgültig abgeschaltet. Mit rund 6 % Anteil an der Stromerzeugung waren sie zuletzt nur noch Brückentechnologie.
2024 – Erneuerbarenrekord:
Die Energiewende beschleunigte sich weiter: 2024 deckten erneuerbare Energien rund 63 % des Stromverbrauchs. Windkraft lieferte etwa 33 %, Solarstrom 14,5 %. Fossile Erzeugung ging deutlich zurück.
2025 – Flexibilität wird zum Schlüssel:
In der ersten Jahreshälfte 2025 stammten bereits 61 % des erzeugten Stroms aus erneuerbaren Quellen. Mit der Einführung der 15‑minütigen Day‑Ahead‑Auktion am 30. September 2025 erhielt der Markt ein noch feineres Taktgefühl (s. oben). Dieses hilft, die schwankende Produktion von Wind und Sonne besser in den Preis zu übersetzen und macht den Tanz des Strommarkts noch dynamischer.
Der Strommarkt ist kein statisches System, sondern ein täglicher Balanceakt. Jeder Sonnenstrahl, jeder Windstoß, jede Industrieanlage spielt mit. Preise entstehen im Sekundentakt, Entscheidungen wirken europaweit. Wenn Sonne und Wind viel Energie liefern, werden fossile Kraftwerke verdrängt und es fällt der Preis.
Und wenn wir heute Abend zum Lesen dieses Newsletters den Laptop einschalten, läuft im Hintergrund ein fein abgestimmtes Orchester, das dafür sorgt, dass die Musik nie verstummt.

